Aufstand in der Sprachenagentur

von Moses März

Teil 1: Der Transkriptionist

Ich arbeite in der Nacht, wenn alle schlafen.

Um neun Uhr, manchmal auch um acht – wenn ich Glück habe und unsere Tochter etwas früher ins Bett geht, sie ist jetzt drei Jahre alt – beginnt mein abendliches Ritual. Ich achte recht penibel darauf, zur vollen, halben oder Viertelstunde anzufangen.

Bei der Sprachenagentur rechnen sie damit, dass das Transkibieren von Gruppendiskussionen normalerweise das Fünffache der Audiozeit in Anspruch nimmt. Um eine Minute zu transkribieren, sollte man also nicht länger als fünf Minuten brauchen. Da ich besonders schnell, oder sagen wir eher effektiv transkribiere, brauche ich nur das Dreifache. Wenn ich also um neun Uhr abends mit der Arbeit anfange, bin ich spätestens um drei Uhr morgens fertig. Je schneller ich bin, desto mehr Geld verdiene ich pro Stunde, effektiv. Das macht am Ende bei der Rechnung zwar keinen Unterschied. Psychologisch ist das jedoch sehr wichtig.

Am Nachmittag habe ich eine E-Mail von der Projektmanagerin der Sprachenagentur bekommen. Darin standen die Details des Auftrags: Minutenlänge, Thema, Audioqualität, Sprecheranzahl, Abgabetermin, Vergütung. Ich habe ihr kurz bestätigt, dass ich den Auftrag übernehmen möchte. Die Vergütung haben wir zum Anfang des Jahres verhandelt. Sie ist immer gleich. Für eine transkribierte Stunde bekomme ich 50 Euro. Da wir im Monat mindestens 1000 Euro brauchen, muss ich also mindestens 24 Stunden Gruppendiskussionen transkribieren.

Das ist für mich ein fairer Deal. Nicht jeder Transkriptionist kann Gruppendiskussionen bearbeiten. Viele haben Probleme damit, im Kopf auseinanderzuhalten, was acht Leute sagen wenn sie gleichzeitig sprechen oder sich gegenseitig ins Wort fallen.

Für mich gibt es nichts einfacheres. Gruppendiskussionen sind meine Spezialität.

Deswegen habe ich auch jede Nacht viel zu tun.

Während ich die Datei vom Server der Sprachenagentur lade, gehe ich in die Küche und mache mir einen doppelten Espresso. Gleichzeitig koche ich Wasser für eine große Kanne Rotbuschtee,den mir ein Freund aus Südafrika geschickt hat. Er meint, dass sich Kaffee und Rotbuschtee gut gegenseitig ausgleichen, damit ich nicht die Balance verliere.  So komme ich bisher ganz gut durch die Nacht. Dazu breche ich mir noch eine Reihe Milchschokolade ab. Vier kleine Stücke. Eins für jede transkribierte halbe Stunde. Also ein Stück nach eineinhalb Stunden wenn ich nach Plan arbeite.

Sechs Stunden lang die richtige Sitzposition zu halten, ist nicht leicht. Ich habe deswegen sowohl an der Rückenlehne und auf dem Sitz zwei Kissen angebracht, die ich variabel verstellen kann. Dazu lege ich mein linkes Bein auf einen kleinen Hocker unter dem Schreibtisch, damit meine Krampfadern vom vielen Sitzen nicht zu stark anschwellen.

Mit dem rechten Fuß bediene ich ein Fußpedal, das mit meinem Computerprogramm verbunden ist und mir dabei hilft, die Aufnahme mit einer kleinen Fußbewegung anzuhalten. Vor- und zurückspulen, Zeitmarken setzen – das sind alles nur Tastenklicks. Das eigentliche Aufschreiben der Wörter mache ich selbst. Man könnte die Arbeit als Handwerk bezeichnen. Gleichzeitig ist es aber auch eine Art Sport. Es geht viel um Ausdauer, gedankliche und physische.

In dem Programm zeigt mir ein Punkt auf einer Zeitleiste wo ich mich gerade in der Aufnahme befinde. Er ist für mich die blaue Linie, die unter den Schwimmern eingeblendet wird, um den Zuschauern die Weltrekordzeit anzuzeigen. Je nach Tagesform bewegt er sich mal schnell, mal langsam. An schlechten Tagen, wenn sich der Punkt einfach nicht vom Fleck bewegen will, klebe ich ein Blatt Papier über ihn und versuche mich ganz auf die Aufnahme, oder auf etwas anderes zu konzentrieren. Dann halte ich mich daran fest, dass die Struktur der Diskussion immer gleich ist. Es gibt Vorstellungsrunden, Sendungsideen, Assoziationen und Schlussbesprechungen.

Viele Sätze wiederholen sich so häufig, dass ich sie mir nicht zu Ende anhöre, bevor ich sie vollständig abschreibe. Dann bin ich schneller als mein Schatten, sozusagen. Auf der blauen Linie.

Es ist eigentlich bemerkenswert, dass es bei den Aufnahmen nie zu Streitigkeiten kommt. Noch nie ist jemand aus der Rolle gefallen. Wahrscheinlich suchen die Marktforscher ihre Zielgruppen-Repräsentanten auch einfach zu gut aus.

Ich habe selber keinen Fernseher und lebe schon lange auf den Philippinen, viele tausende Kilometer von Deutschland entfernt, in einer anderen Welt, sozusagen. Nachts den Leuten in den Teststudios zuzuhören ist somit auch ein Kontakt mit der Heimat. So bekomme ich mit, was die Menschen zuhause beschäftigt. Wenn ich es mir überlege, mag ich meinen Job eigentlich ganz gerne.

Wenn ich transkribiere, erfüllt mich eine große Sympathie, wenn nicht gar Liebe, für alle Teilnehmerinnen. Ich bin ihnen ganz nah, kann sie durch ihren Tag begleiten, mit ihnen auf der Couch sitzen und sich mit ihren Partnern unterhalten hören. Ich würde mir niemals ein Urteil über sie erlauben.

Vor mir ist jedes Wort gleich.

Neben meinem Keyboard habe ich ein kleines Notzibuch, in das ich mir zu jeder Gruppendiskussion die wichtigsten Gedanken und Meinungen notiere. Das gibt mir das Gefühl, etwas Dauerhaftes zu hinterlassen. Sonst ist alles nur virtuell, Audiodateien, Textdateien, die in Ordnern und Unterordnern abliegen und eigentlich nach Auftragsende gelöscht werden sollen – aus Datenschutzgründen. Über die Jahre habe ich so in meinen Notizbüchern schon viel behalten, was sonst in Vergessenheit geraten würde.

Wenn mich Themen weniger interessieren, teile ich den Bildschirm einfach auf und schaue nebenbei Fußballspiele auf chinesischen Live-Stream-Kanälen. Dafür habe ich allerdings nur bis Mitternacht genügend Kraft. Danach muss ich mich stärker konzentrieren, die richtigen Tasten zu treffen. Um die korrekte Rechtschreibung und Grammatik geht es mir dabei gar nicht so sehr. Das würde nur mein Tempo verlangsamen. Die gröbsten Fehler kann die automatische Rechtschreibprüfung nachher immer noch ausbessern.

Nach der ersten transkribierten halben Stunde mache ich eine kurze Pause.

Die Diskussion befindet sich dann meistens schon mitten im ersten Konzept. Ich schaue kurz auf die Uhr, um zu sehen wie gut ich in der Zeit liege. Je nachdem ob ich ein paar Minuten schneller oder langsamer als geplant war, teile ich mir die Pause ein. Dann gehe auf den Balkon und schaue in die Sterne und höre den Wellen zu, die in der Ferne klingen. Dazu esse ich das erste Stück Schokolade. Es ist hier, das ganze Jahr hindurch ziemlich warm. Dafür bin ich dankbar.

Wenn das Sitzen irgendwann zu anstrengend wird, die Arme und Finger so schwer, dass ich sie nicht mehr schnell genug hochheben kann, habe ich eine Technik entwickelt, bei der ich ich rhythmisch vor und zurück wippe, ein bisschen wie bei einem Gebet, oder wie ein Pianist, der sich in der Melodie seiner Komposition wiegt. Dabei habe ich die Augen geschlossen, schone sie vor dem grellen Bildschirmflimmern in der Nacht und vertraue meinen Fingern blind.

Während ich so arbeite, werden im zweiten Viertel oft die Gedanken für philosophische Betrachtungen frei. So denke ich zum Beispiel darüber nach was es bedeutet, das Mündliche ins Schriftliche zu übertragen, was dabei entsteht, sichtbar wird oder vielleicht verloren geht, also in die Unsichtbarkeit entschwindet.

Die Schönheit einer jeden Transkription ist für mich dabei allerdings absolut. Manchmal kommt es mir vor als ob das ganze Leben aus nichts anderem als Transkribieren besteht: Gedanken in Handlungen, Schrift in Leben, Leben in Schrift.

Ich denke an das Teststudio und die Glasscheibe, die die Teilnehmer von ihren Beobachtern trennt, das Mikrophon, das das Gespräch aufnimmt und den Techniker, der mir dann die Audiodatei über das Glasfaserkabel aus Frankfurt bis auf die Philippinen schickt.

Manchmal spiele ich mit dem Gedanken noch ein Fernstudium in Soziologie zu machen. Mich interessieren viele der Themen, die in den Gruppendiskussionen behandelt werden.

Fürs erste bin ich mit meinem Job aber ganz zufrieden. Natürlich wäre es schön, mehr Anerkennungen zu bekommen. Ich bin schließlich nicht ganz unambitioniert in meinem Gebiet. Aber wer achtet heute schon auf die Details einer guten Transkription? Weder die Mitarbeiter der Sprachenagentur, die sicher dutzende solcher Aufträge parallel bearbeiten, noch die Marktforscher, die sich täglich mit ihren Highlightern durch tausende dieser Seiten wühlen, werden überprüfen ob ich jedes Wort richtig abgetippt habe. Sie vertrauen mir blind.

Das war für mich vor einiger Zeit der entscheidende Gedanke. Ab dem Moment fing ich an, mir Freiheiten rauszunehmen. Erst fing ich an, einzelne Wörter und dann ganze Sätze aus den Transkripten auszulassen. Dabei ging es mir nicht mal darum, Zeit zu sparen. Ganz im Gegenteil. Vor einer Weile kam ich mal auf den Gedanken, mein eigenes Transkriptionsbüro aufzumachen.

So könnte ich pro Minute leicht das Dreifache verdienen. Aber dafür bin ich offensichtlich nicht unternehmerisch genug, vielleicht zu genügsam mit dem was ich habe.

Wenn man mir mehr Geld für meine Arbeit anbieten würde, würde ich sicher nicht nein sagen. Aber mich bei den Leuten in der Agentur anbiedern und nach einer Gehaltserhöhung fragen? Nein, dazu bin ich zu stolz.

Anfangs hatte ich noch ein schlechtes Gewissen wenn ich mal ein Wort ausließ. Was wenn es auffliegen würde? Was wenn die Testergebnisse dadurch verfälscht würden? Würde eventuell die falsche Sendung produziert oder ausgestrahlt werden? Nach und nach nahm die Angst ab. Ich begann den Raum auszuweiten, der sich öffnet wenn man nicht jedes Wort transkribiert und überall „unklar“ und „unklares Durcheinander“ mit der dazugehörigen, auf die Millisekunde genauen, Zeitmarke schreibt wenn etwas unverständlich bleibt.

Niemand hat gerne viele unklare Stellen in einem Transkript. Es geht hier schließlich um Transparenz. Darum denke ich mir lieber selber etwas aus, anstatt ein zögerliches „unklar“ zu setzen. Die „unklar“, die ich setze, sind streng aus strategischen Gesichtspunkten im Text untergebracht. Alles zu hören wäre schließlich unglaubwürdig.

Auch Kommentare und Beschreibungen füge ich mittlerweile freizügiger in meine Texte ein. Bis jetzt hat es noch niemanden gestört. Ist es überhaupt schon jemand aufgefallen?

Die vorletzte halbe Stunde ist die härteste. Dann ist es zwischen ein und zwei Uhr morgens. Wenn mich Zweifel überkommen, ob ich es schaffe, die Aufnahme pünktlich zur Deadline fertig zu transkribieren, gehe ich kurz in das Zimmer wo meine Frau mit unserer Tochter schläft. Der Anblick, der beiden gibt mir die Kraft, weiterzumachen. Am Ende geht es ums Überleben.

Wenn sich der Moderatorin immer wieder mit denselben Floskeln verabschiedet, davon spricht wie viel sie von dem Gespräch gelernt hat, strömt plötzlich neue Energie in meine Finger und ich setze zum Endspurt an. Nachdem die letzte Zeitmarke gesetzt ist, gehe ich noch mal raus auf den Balkon und lasse mich von der Ruhe der Nacht feiern. Dann setze ich mich noch mal auf den Stuhl, jetzt ohne Kissen.

Ich klicke mich durch die bis zu siebzig vollgeschriebenen Seiten und lasse die automatische Rechtschreibprüfung über alle rot und grün unterkringelten Stellen laufen.

Wie von Geisterhand korrigiert sie meine Tipp- und Rechtschreibfehler. Schritt für Schritt nähere ich mich der Perfektion.

Dann markiere alles was die Moderatorin sagt in fett, so wie es mir die Auftragsanweisungen vorschreiben. Das gibt dem Text eine schöne Struktur. Nach ein paar weiteren Klicks ist alles im richtigen Format. Wenn ich die Datei abschicke, schreibe ich oft nur ein, zwei kurze Sätze in der E-Mail. So was wie:

„Hi Isabell, im Anhang GD1 aus Frankfurt. Lieber Gruß, Rüdiger“

Alles andere – was mir in den sechs Stunden sonst so durch den Kopf gegangen ist –, würde dem Aufwand, der Konzentration, der Erschöpfung und der Überwindung, die in der Produktion dieser Datei stecken, nicht gerecht werden. Um ehrlich zu sein, könnte ich mir schon einen besseren, oder zumindest leichteren Job vorstellen.

Aber wegen meiner Ausdauer, meines guten Gehörs und meinem ausgeprägten Pflichtbewusstsein passt er vielleicht doch ganz gut zu mir.

Ich würde ihn ungern jemand anderem überlassen.

*Der Transkriptionist ist Teil einer Text-Trilogie mit dem Namen Aufstand in der Sprachenagentur und ist in MUZ1: Berlin – Kapstadt erschienen (2018).