Das Meer an dem ich mich befand

von Philipp Meyer

I. DAS MEER, AN DEM ICH MICH BEFAND

Eben, beim Lesen einer Geschichte über polnische Flüsse und Schaukeln, die die Worte mit großen, weichen Händen anfasste, wusch und sie dann zusammen mit dem Lauch in das Suppenwasser fallen ließ, hatte ich sie.

DIE ANTWORT AUF DIE FRAGE, WAS TANZ MIT THEOLOGIE ZU TUN HAT.

Sie kam mir schon gestern Nacht. Im Kopf hatte ich sie schon zur Hälfte aufgeschrieben. Dann habe ich geträumt, alles vergessen und erst jetzt schwappen stückweise Holzreste, ein grüner Plastikhelm, vielleicht von einer Bohrinsel, und weißlich-durchsichtige Quallen auf die Lippe, die Sprache, das Ufer, den Rand.

Den Rand einer Insel.

Die Tanzstücke, die von heute, die sich als Genossen unserer Zeit vorstellen, sind nicht religiös. Sie sind auch keine rituellen Wendungen, nicht katholisch – wegen der Form, oder kanadischen oder nicht-kanadischen Medienwissenschaftlern. Die Tanzstücke, die von heute, sind auch nicht heidnisch, auch wenn Dionysos überall ist, und alle – nur ich nicht – Friedrich den Großen verehren, wie er mit Querflöte und Schreibmaschine (Welche Schreibmaschine? Eine goldene Malling-Hansen, rund wie ein Gehirn, erfunden, um Taubstummen das Reden zu ermöglichen) in den Schweizer Bergen sich an seiner Schrift berauscht. In der ja auch viel getanzt wurde. Und die über den Betten vieler Hebammen auf handschriftlichen Zetteln klebt.

Gestern, kurz vorm Schlaf, mit wunden Füßen und brennenden Oberschenkeln, Schienenbeinen und Füßen – die Sonne hatte das Wasser in meiner Haut gesammelt, bis die Haut es nicht mehr halten konnte, zerriss und die Flüssigkeit träge über meine Beine floss, mit brennenden Muskeln, schlagendem und schwappenden Herz, voller Adrenalin im Puls –, hatte ich sie gefunden, die Antwort.

„WIR HABEN KEINE FRAGEN, WIR HABEN ANTWORTEN.“

An der Küste der Insel, auf der ich mich befand, deren Bambushäuser von Dezember bis März vor allem von Deutschen bewohnt werden, die generell gerne Urlaub machen, war ich, nachdem das Boot mit Wasser vollgelaufen war, gekentert, hätte beinahe meine Sonnenbrille samt Bändel verloren, konnte dann aber, ich war nicht alleine, mit Hilfe von Anne („ANNA, HILF!“), sowohl Rucksack als auch Paddel retten, an dem felsigen Ufer das Boot leerlaufen lassen.

Das Blut meiner Füße klebte kurz an dem Felsen und wir konnten wieder in See stechen. Allein auf hoher See. Die Wellen schlugen auf unser rotes Plastikkajak und die Sonne hing sechs Meter über dem Meer. Es war noch ein Stück zu fahren, und die Vorstellung noch einmal zu kentern, und zwar im Dunkeln wäre zur Furcht geworden, wenn nicht das Adrenalin auch den Schmerz in den Füßen weggespühlt hätte. Hinter der nächsten Klippe sind wir in unserer Bucht, die seicht ist und auf der Touristenkarte mit einem kleinen Kanu verzeichnet.

Okay, hinter der nächsten muss es sein.

Nein, hinter der.

Und selbst wenn die Sonne untergegangen ist, gibt es noch ein bisschen Tageslicht.

In dieser Not – ich hab sie überlebt und dieses Überleben gibt meinen Worten die Leichtigkeit einer Nudelsuppe – betete ich im Kopf, beteten wir laut, mit unseren Lippen.

GOTT HILFF MIR / DENN DAS WASSER GEHET MIR BIS AN DIE SEELE. JCH VERSINCKE IN TIEFEM SCHLAM / DA KEIN GRUND IST / ICH BIN IM TIEFEN WASSER / VND DIE FLUT WIL MICH ERSEUFFEN. ERRETTE MICH AUS DEM KOT / DAS ICH NICHT VERSINCKE / DAS ICH ERRETTET WERDE VON MEINEN HASSERN / VND AUS DEM TIEFFEN WASSER. DAS MICH DIE WASSERFLUT NICHT ERSEUFFE / VND DIE TIEFFE NICHT VERSCHLINGE / VND DAS LOCH DER GRUBEN NICHT VBER MIR ZUSAMEN GEHE.

Dann sangen wir Lieder aus dem Konfirmandenunterricht.

Gib uns eine ruhige See, einen starken Arm, noch ein bisschen Licht und lass uns nicht an den scharfen Klippen zerschellen.

Aus der Tiefe rufe ich zu – Es wurde schon beträchtlich dunkel, als wir zwischen zwei Felsen fuhren, mit dem behäbigen Kanu auf einen Wellenkamm nach vorne rutschten, wieder zurück gesogen wurden. Um dann von einer anderen Welle durch die Felsenge gedrückt zu werden und zu sehen und da sahen wir sie, die neongrüne Nachtbeleuchtung unseres Resorts.

Das Wasser war seicht wie in einer Badewanne und Fischerkähne schwankten im Übergang von Dämmerung zu Nacht, von LED-Lampen beleuchtet.

‘DIESE SCHÖNEN, GROßEN SCHIFFE, WIE SIE UNMERKLICH GEWIEGT… AUF STILLEM WASSER LIEGEN, DIESE STARKEN SCHIFFE, DIE SO SEHNSÜCHTIG UND SO MÜßIG AUSSCHAUEN – FRAGEN SIE UNS NICHT IN EINER STUMMEN SPRACHE: WANN FAHREN WIR AUS INS GLÜCK?’ EIN WIEGENDER RHYTHMUS EIGNET DIESER BERÜHMTEN STROPHE; IHRE BEWEGUNG ERGREIFT DIE SCHIFFE, WELCHE FESTGEMACHT AUF DEM KANALE LIEGEN. ZWISCHEN DEN EXTREMEN GEWIEGT ZU WERDEN, WIE ES DAS VORRECHT DER SCHIFFE IST, DANACH SEHNTE SICH BAUDELAIRE. DEREN LEITBILD TAUCHT AUF, WO ES UM SEIN TIEFES, VERSCHWIEGENES UND PARADOXES LEITBILD GEHT: DAS GETRAGENSEIN VON, DAS GEBORGENSEIN IN DER GRÖßE.

Am nächsten Tag lag ich in der Hängematte. Dort rieb ich meine dunkelroten Beine mit Öl ein und zog Seeigelsplitter aus meinen Füßen. Gott sei Dank! Für Leben und Abenteuer.

Dass er mich schaukelt, zwischen Todesangst und dieser kleinen, netten Geschichte, die im Warmen aufgeschrieben wurde. Und von Rettung berichtet.

Am Ende von einem Angelica Liddel-Stück, von dem man nicht aufgestanden ist. Das Grauen über sich, in sich, um sich. Und trotzdem ist man sitzengeblieben, hat den Saal nicht verlassen.

Am Ende kommt ein Cadillac von der Decke. Und berichtet von Rettung. An Seilen befestigt, schwebt er runter, der Leichenwagen. Und dann wird getanzt und es gibt eine Party mit italienischen Laiendarstellern, und eine kleine Frau mit schönen, schwarzen Kleidern, springt auf die Bühne und die Musik ist italienisch und aus den neunzigern und man kennt sie schon und in ihr legt sich ein anderes Bild über die Bühne, aus einem anderen Film und La Grande Belleza fängt an.

UND ICH SAHE EINEN NEWEN HIMEL / VND EINE NEWE ERDEN / DENN DER ERSTE HIMEL UND DIE ERSTE ERDEN VERGIENG / VND DAS MEER IST NICHT MEHR. VND ICH JOHANNES SAHE DIE HEILIGEN STAD / DAS NEWE JERUSALEM / VON GOTT AUS DEM HIMEL HER AB FAREN. VND GOTT WIRD ABWISSCHEN ALLE THRENEN VON JREN AUGEN / VND DER TOD WIRD NICHT MEHR SEIN / NOCH LEID / NOCH GESCHREY / NOCH SCHMERTZEN WIRD MEHR SEIN / DENN DAS ERSTE IST VERGANGEN.

Das Versprechen, dass am Ende ein Cadillac runterkommt, das man überlebt hat.

Dass man ein weiteres zeitgenössisches Stück bis zum Ende gebracht hat, ohne, dass man vor Grauen aufgestanden ist, oder vor Langeweile eingeschlafen. Dieses Versprechen gibt die Überlieferung. Gibt jede Religion. Fürchte dich nicht. Das Grauen, das Leiden, die Angst und die Langeweile, der Regen, die Kälte, das Blut, die Wunden. Es ist nicht ewig. In der Tiefe, im dunkelsten des Abgrundes, schlägt es um. Kommt die Rettung, unverhofft. Der Cadillac kommt und auf einem Plakat ruft ein Naturtheater aus, dass es jeden gebrauchen kann, jeder ist willkommen, jeder wird aufgenommen:

JEDER IST WILLKOMMEN! WER KÜNSTLER WERDEN WILL, MELDE SICH! WIR SIND DAS THEATER, DAS JEDEN BRAUCHEN KANN, JEDEN AN SEINEM ORT! WER SICH FÜR UNS ENTSCHIEDEN HAT, DEN BEGLÜCKWÜNSCHEN WIR GLEICH HIER!

II. STOP MAKING SENSE

Die Talking Heads, die Franzosen, unsere zeitgenössischen Choreographen, Regisseure, Künstler, unsere universitären Schriftsteller, sie alle offenbaren uns das Geheimnis. Das zeitgenössische, das Geheimnis unserer Zeit. Das Mysterium und das Dogma, das behütet wird, von zwei Engeln mit flammenden Schwertern. Das was es in Frömmigkeit und ohne Zweifel zu wiederholen gilt.

LA RELIGIONE DEL MIO TEMPO.

Es ist das Ende des Sinns und das Ende der Bedeutung.

Das Kunstwerk, dessen größte Tugend es ist, deutungsoffen zu sein, dem Leser oder der Zuschauerin keine Bedeutung und vor allem keinen Sinn vorschreiben zu wollen, gibt das wertvollste, was es in unserer Zeit hat, hin, seine Intention. Als Opfer vor dem Altar des Rituals.

I REMEMBER BEING COMPLETELY BAFFLED THE FIRST TIME I SAW THE MERCE CUNNINGHAM DANCE COMPANY: PAINFULLY BRIGHT LIGHTS, EAR-PIERCING SOUNDS, DANCERS WALKING MATTER-OF-FACTLY TO RANDOM LOCATIONS ON THE STAGE, BEGINNING PHRASELESS SEQUENCES OF MOVEMENT THAT PAUSED IN STRANGE POSITIONS AT UNPREDICTABLE MOMENTS, EXCITING ABRUPTLY AND REENTERING MIDSEQUENCE, AND THEN JOHN CAGE STEALING THE SHOW WITH HIS CHAMPAGNE DRINKING AND TART ANECDOTES. WHAT WERE THEY DOING? WHAT WAS THE DANCE ABOUT? IT WAS SUMMER 1967 AT THE AMERICAN DANCE FESTIVAL. I WAS A MIDWESTERN TEENAGER, WHO HAD GIVEN UP BALLET AFTER TEN YEARS OF INTENSIVE TRAINING TO STUDY MODERN DANCE. BUT CUNNINGHAM. HIS DANCES DIDN’T MEAN ANYTHING. EVEN TWO YEARS LATER – WHEN THE COMPANY WAS IN PARIS AND I WITNESSED A DEEPLY MOVING PERFORMANCE OF FIELD DANCES (1963) – I RUSHED BACKSTAGE TO THANK CUNNINGHAM FOR SUCH A PROFOUND IMAGE OF HOW THE WORLD SHOULD BE, ONLY TO HAVE HIM EXPLAIN THAT THE DANCE WAS DIVIDED INTO SECTIONS THAT WERE REPEATED IN A DIFFERENT ORDER FOR EACH PERFORMANCE, AS DETERMINED BY CHANCE PROCEDURES.

Sinn, Bedeutung, Intention sind geopfert, und trotzdem, das intentionslose Kunstwerk will als solches Verstanden werden.

Wehe der Ketzerin, die Bedeutung findet. In dem kleinsten. Und wehe, sie findet etwas, das der seine Intention verleugnende Künstler nicht intendiert hatte. Wehe, sie findet ein tiefes Bild. Von der Welt, wie sie sein sollte. Keine wird mehr gehasst werden, als die Kritikerin, die bedeutet. Denn keiner hasst es mehr in seiner Intention Missverstanden zu werden, als der Künstler, der keine Intention hatte. Das Deutungsoffene zu deuten ist das Sakrileg, dem mit unverhohlenem Ärger begegnet wird. Besser dem Dogma folgen und festzustellen: Das Stück ist deutungsoffen, ich möchte mir nicht anmaßen, eine Deutung vorzugeben. Keine Künstlerin wird sich über diese Deutung ärgern. Denn sie entspricht. Einer genauen Verwörtlichung ihrer Intention.

III. ICH ABER SAGE EUCH: BITTE, ALLEGORISIEREN SIE! BRECHT DAS DOGMA, SPRECHT IN ZUNGEN, DEUTET WIE WILD!

Wenn der lange Winter eine Wolkendecke über die Sterne legte und Dunkelheit über Monate hinweg Sonne, Mond und Sterne verdeckt, richteten die Menschen einen Wetterbaum auf, klebten Pappsonne und Pappsterne auf die Spitze, zogen sich ihre Kleider aus, nähten sie zusammen, legten diese Wolkendecke über die Baumspitze und tanzten bloß, bis Kleider und Wolkendecken zerrissen, und Sonne, Stern und Mondlicht wieder leuchtete. Das Schweigen, die Dunkelheit, der Winter, setzte das Ritual in Gang. Die Antwort – schließlich änderte sich das Wetter und Licht wurde wieder sichtbar – wurde in Dank empfangen.

Tanz und Literatur bis 1800 ist dem Schweigen Gottes entsprungen. Da schrieben und tanzten Frauen und Männer. Literatur von 1800 bis 1900 dem Schweigen der Frau. Da schrieben Männer. Der schweigenden Frau, der schweigenden Natur eine Sprache zu geben, sie zu bedeuten: klassischer und romantischer Trieb. Heute schweigt kaum noch einer. In einer Zeit in der alle sprechen, alle überzeugen wollen, politisieren, christianisieren, kapitalisieren, islamisieren, konsumieren, da hüllt sich der Tanz in sein SPEAKING IN TOUNGUES. Da soll man sprechen, deuten, mit großen und plumpen Händen eine Delle in die Avocado drücken? Dem taubstummen Tanz mit einer runden Malling-Hansen auf die nackte Haut schreiben? Da eine Mitteilung, einen Sinn, etwas Nützliches finden, ein Mittel etwa, und einen Zweck? Da steht sie, die Sinndeutungsmafia, sie findet in allem einen Sinn, und enthüllt ihn,

MIT HEIßEM FLEISCH ODER MIT KALTEM SINN/ MIT „LEG DICH HIN“ ODER „TUS BESSER NICHT“, / ZIELT BESSER MAN AUF SEXUELLEN ODER FINANZIELLEN REINGEWINN?

IV. ZU KOSTBAR UM SIE ANZURÜHREN, ZU GEHEIM, UM SIE EINER INTERPRETATION ANHEIMZUSTELLEN.

Lasst uns ein bisschen mehr Wärme in die Sprache stecken, sodass sie von innen glimmt und leuchtet und nach außen Wärme abstrahlt. Die Holzscheite anfassen, mit großen, weichen Händen. Und ein Feuer am Strand machen, was auf der Insel, auf der ich mich befand, noch möglich war. Das Feuer, das wir brauchen, denn, wenn wir das Schweigende mit unseren zusammengenähten Worten Stück für Stück überdecken, werden wir immer nackter. Können wir – um es ganz unverhüllt zu sagen, in die Sprache der Kritik, die heute bekanntlich klein und hässlich ist und sich ohnehin nicht blicken lassen darf, können wir in diese Sprache etwas von dem Schweigen aufnehmen, das von dem Stück ausgeht, dass uns gefällt? Können wir etwas von der Sprachlosigkeit, die ausgeht, vom Tanz, von der Pflanze, von Gott, in unsere Sprache reinlassen? Rissige Sprache, warm und dunkel, sprachlose Sprache.

„DER DADAISTISCHE GLAUBE OHNESINN IST EBENSOWENIG UNSINN WIE DIE PFLANZE, DIE KINDERZEICHNUNG, DIE MUSIK, DIE SCHÖNHEIT, DIE LIEBE, DIE HOFFNUNG, DER KREIS, DAS QUADRAT, DIE FARBE.“

* ‘Das Meer an dem ich mich befand’ ist in MUZ1: Berlin-Kapstadt erschienen (2018).