Hatfield Street

von Moses März

DIE TANKSTELLE - 7 UHR

Der Morgenverkehr schiebt sich die leichte Steigung der Straße hinauf und steht wartend an der Ampel. Noch weht kühle Luft vom Tafelberg, der zu dieser Tageszeit nur halb von der Sonne beleuchtet ist.

In die eine Richtung fahren Ladungen vollbeladener Minibusse, die Arbeiter aus den Townships – Putzfrauen, Babysitter und Sicherheitsmänner – in die wohlhabenderen Stadtteile des Stadtzentrums transportieren. Bauarbeiter, die für den Tag vom Straßenrand engagiert wurden, sitzen auf den offenen Ladeflächen von Pick-ups. Sie tragen Kapuzenpullover und Mützen gegen den Wind. Die Straße hinunter, in Richtung der Hochhäuser des Central Business Districts, fahren sie zu bequemen Bürojobs. Kleine Gruppen von Schülerinnen in grünen und hellblauen Schuluniformen sind auf dem Weg in die Schule.

Direkt neben unserem Haus ist eine Tankstelle. Sie heißt Engen 1 Plus Quick Shop. Die Reklametafel an der Straßenseite weist daraufhin, dass sie rund um die Uhr geöffnet hat: „24 Hours Fresh Woolworths Quality“. Außer Auftanken bietet die Tankstelle einen kleinen Supermarkt, einen Burger-, und einen Pizza-Laden und eine Bäckerei inklusive Hähnchengrill. Freunde beneiden uns um diese Tankstelle.

Auf dem Weg über den Parkplatz fällt der Blick auf die beleuchteten Werbebilder über den Zapfsäulen. Jedes hat ein unterschiedliches Motiv mit eigenem Motto:

PRIDE – Eine schwarze Mutter umarmt lachend ihre Tochter, die eine Graduiertenrobe trägt, in der rechten Hand ihr zusammengerolltes Abschlusszeugnis.

TRIUMPH – Ein weißer Vater in gelbem Polohemd schiebt seinen Sohn von hinten auf einem Fahrrad an, auf einer verkehrsberuhigten Vorstadtstraße, vor ordentlich gemähtem Gras und einer sauberen Häusermauer.

PASSION – Ein schwarzer, etwas fülliger Mann in Fußballuniform steht jubelnd im Stadion. In der einen Hand schwenkt er eine Südafrikafahne. Er bläst in eine rote Vuvuzela. Im Hintergrund ein volles Stadion.

CARE – Ein weißer Schuljunge hält seinen rechten Arm schützend um seine kleine Schwester. Die beiden tragen Schuluniform und Rucksäcke. Sie warten auf den Schulbus oder darauf, von ihren Eltern mit dem Auto abgeholt zu werden.

Das ist die Regenbogennation. Das Versprechen von Politik und Wirtschaft, gemeinsam die Post-Apartheid-Gesellschaft in geordnete Bahnen zu lenken. Das Bild zeigt Wirkung.

Südafrika, so die Botschaft der Engen-Reklame, ist ein Land der Schwarzen und der Weißen. Ein Land, das Wohlstand und Glück für beide schafft. Der effektive Mehrheits-Minderheits-Prozentsatz von 92 zu 8 zuungunsten der weißen Bevölkerung wird auf den Bildern zu einem ausgeglichenen 50 zu 50, das Narrativ ist einfach: Während sich die schwarze Bevölkerung um sozialen Aufstieg bemüht und mit Sportspektakeln unterhält, beschützen sich die Weißen gegenseitig und genießen ihren Wohlstand. Wie stark getrennt die beiden Realitäten voneinander sind, wird auf den Leuchtbildern deutlich. Sie steuern jedoch beide unverkennbar dasselbe Ziel an:

Den Engen 1 Plus Quick Shop.

Schwarz-Weiß-Kategorien. Wir benutzen sie weiterhin. Um die Wirklichkeit zu beschreiben. Weil wir keine andere Sprache gefunden haben. Um über die Ungerechtigkeit zu sprechen, die Südafrika durchzieht, und weil die sozioökonomische Realität noch zu sehr mit Frantz Fanons Feststellung von 1958 übereinstimmt: Du bist reich weil du weiß bist. Du bist weiß weil du reich bist.

Das soll nicht heißen, dass wir für unsere eigenen Zwecke nicht an Steve Bikos Überzeugung von 1971 glauben, dass Schwarz als eine politische Geisteshaltung verstanden werden sollte, die den Kräften der Entmenschlichung den Kampf ansagt.

Die Regierung des African National Congress (ANC) hat die Rasse-Kategorien des Apartheid-Regimes jedoch übernommen und macht damit aktiv Politik. Teilweise um eine Grundlage für eine Politik der Affirmative Action zu haben. Zugleich jedoch aus intellektueller Bequemlichkeit. Und um die Vorstellungskraft in Sachen politischer Identifikation in bestehenden Bahnen zu belassen.

Unternehmen wie Engen tragen aktiv dazu bei, den Rassediskurs der Apartheid durch einen Kulturdiskurs zu ersetzen, in dem derselbe Mix aus Biologie, Kultur, Politik und Ökonomie mitschwingt. Damit wird eine klare Dreiteilung der Gesellschaft suggeriert: Schwarz, Coloured als Zwischenstufe, und Weiß. In der Theorie sind unsere Argumente gegen diese Teilung im Jahr 1961 stehen geblieben. Aber wir müssen weiter.

Mit Blick auf die Autos, die hier stehen, wird deutlich, dass hier ein Teil der privilegierten Minderheit parkt: Jeep, Land Rover, Mercedes, BMW.

An jeder der vier Zapfsäulen stehen zwei Tankwärter, allesamt Männer. Sie tragen Arbeitsstiefel, blaue Cargo-Hosen und dazu rot-blaue Fleece-Jacken mit Engen-Logos und Fleece-Mützen oder Caps – zu jeder Jahreszeit dasselbe Outfit. Dass sie nach der gängigen Kategorisierung als Schwarz bezeichnet werden würden, erübrigt sich von selbst. Genauso wie der Hinweis, dass die meisten Kunden hier Weiße sind.

Die Fenster der Luxusautos werden herunter gefahren. Schlüssel werden heraus gereicht. Die Bestellung:

„How are you my boss?”

„I’m fine thanks, how are you.”

„I‘m fine, what can I do for you?”

„Top up please!”

„Sure my boss.”

Gezahlt wird mit Karte. Während der Wärter den Wagen tankt, gehen die Fahrer noch schnell in den Quick Shop.

Am Morgen, vor der Arbeit, kaufen sie hier Low-fat-Trinkjoghurts, Fertigsalate, Energie- oder Vitamindrinks, Schokoladenriegel oder Chips für die Pause. Manche erledigen hier, trotz Tankstellenpreisen, schon den Familieneinkauf.

Beim Durchqueren der Eingangstür des Quick Shop überfallen uns die Luft von Klimaanlage und die Fülle der Frischeregale. Hier herrscht zu jeder Tageszeit Hochbetrieb. Die Atmosphäre ist immer leicht gespannt.

Die Leute hier haben wenig Zeit.

Sie müssen viel Geld verdienen, um den Anforderungen der sogenannten Upper Middle-Class gerecht zu werden. Eine aktuelle Studie belegt, dass es sich mit einem Mittelklasse-Einkommen nirgendwo auf der Welt besser leben lässt. Alte Kolonialstrukturen machen das möglich.

Aber das System fängt an, zu bröckeln. Wenn in der Stadt der Strom ausfällt, offiziell Loadshedding, Ballastabwurf genannt, staut es sich im Quick Shop besonders. Die Elektrizitätswerke, die früher nur Strom für die weiße Minderheit generieren mussten, können die gestiegene Anfrage von 10 auf 40 Millionen Stromnutzer in den letzten zwei Jahrzehnten nicht mehr abdecken. Ein Generator vor dem Quick Shop sorgt dafür, dass es trotzdem nie zu Unterbrechungen kommt. Hier erhält die Nachbarschaft weiterhin warmes Essen.

Die Regale des Supermarkts in der größten Abteilung des Quick Shop sind voll bis oben hin. Alles sieht nach bester Qualität aus. Woolworths, die Supermarktkette, die sich im Quick Shop installiert hat, ist die Luxuskette des Landes. Fertiggerichte liegen neben geschnittenem Gemüse – Zwiebeln, Karotten und Salate – Käse und Wurst. Die Leute, die hier einkaufen, haben keine Zeit zum Gemüseschälen.

Die Bäckerei in der Ecke des Shops suggeriert mit seinem Namen The Corner Bakery Nachbarschaftsnähe. Sie ist, wie alles andere hier, Teil des Engen-Woolworths-Konglomerats. Dennoch hat sie die wohl besten Roggenbrötchen der Stadt. Hamburger-Brötchen gibt es auch glutenfrei.

Beim Blick durch die sonstigen Regale vergisst man leicht, wonach man sucht. Haribo, Lindt, Erdinger – das Sortiment ist World-Class, ein beliebtes Adjektiv seit der Fußballwelt-meisterschaft 2010.

In der Schlange vor der Kasse gleiten die Blicke über die Titelbilder der lokalen Zeitungen: In den Townships sind Blechhütten abgebrannt; sechs Menschen sind der Fremdenfeindlichkeit zum Opfer gefallen; Südafrika hat sensationell Cricket gespielt; ein Wal ist vor Hout Bay gestrandet; in der Stadt gab es einen Karnevalsumzug der Coloured-Community.

In der Schlange erkenne ich einen Radio DJ, eine aufstrebende pausbackige Politikerin und den Cartoonisten der nationalen Akademikerzeitung. Eine blonde Frau, die gerade Richtung Ausgang stolziert, ist auf dem Weg in die Moderedaktion von Cosmopolitan oder Marie Claire in der Straße weiter unten. Die Mitarbeiter des Engen 1 Plus Quick Shop arbeiten in Schichten von sechs Uhr morgens bis sechs Uhr abends.

„Next Customer Teller 4!“, kündigt eine elektronische Stimme durch den Lautsprecher neben der Kasse an. „Please hold your Smart Shopper or My School Card ready!“

Auf dem Weg zur Kasse muss der Einkaufskorb durch den engen Gang zwischen den Hintern anderer Kunden und dem Süßigkeiten-Regal vorbei geschoben werden. Neben den Kassen sind große Einbuchtungen, die für volle Einkaufskörbe gemacht sind. Alles im Quick Shop ist so eingerichtet, dass es unmöglich ist, hier weniger als einen Einkaufskorb zu füllen, ohne sich schlecht zu fühlen.

Die Eile der Quick Shop-Kunden staut sich an den Kassen.

Dauert eine Überweisung bei einer der Kartenmaschine etwas länger, werden die Kunden ungeduldig.

Vor uns fragt ein Mann die Kassiererin pampig, woran es läge, dass er so lange auf die Überweisungsbestätigung warten müsse. Die Kassiererin lässt sich davon nicht aus der Ruhe bringen. Sie wechselt ein paar Worte mit ihrer Kollegin auf isiXhosa. Sie kann davon ausgehen, dass der Kunde sie nicht versteht. Dann deutet sie gelassen auf die Maschine.

Auf dem Namensschild unserer Kassiererin steht Happiness.

Daneben heftet ein kleiner Smiley-Anstecker.

Sie begrüßt uns mit einem Lächeln.

THE POWER AND THE GLORY - 9 UHR

Die Ruhe, die sich nach der morgendlichen Rushhour in der Straße breit gemacht hat, wird von Polizeisirenen durch-brochen. Ein Polizeikonvoi mit drei Containern an Gefangenen rollt über die Kreuzung Richtung Landesgericht. Zwischen den Gitterstäben der Anhänger sind die Hände der Gefangenen zu sehen. Ein paar Stunden später fährt der Konvoi mit viel Lärm zurück. Dann ist wieder nur das Rauschen der Bäume zu hören. Unser Viertel gilt als Leafy Suburb. All jene, die nicht schon um acht bei der Arbeit sein müssen, sind jetzt als letzte auf dem Weg zu ihren Büros.

Auf den Gehsteigen und in den Hauseingängen liegen Menschen, die von Plastikplanen, Kartons oder Fleece-Decken bedeckt sind. Unter den Decken ragt manchmal nur der Ansatz eines Schuhs oder einer Hand hervor. Vom bloßen Hinsehen ließe sich nicht sagen, ob sie tot oder lebendig sind. In Wahrheit macht es auch für niemanden, der vorbeiläuft, einen Unterschied.

In der Garage einer Seitenstraße liegt das Café The Power and the Glory. Er spielt in einer Liga mit anderen Coffee Shops, die Namen wie Truth Coffee Cult, Vida e Cafè, De Luxe Coffee und Artisan Coffee tragen.

Das Café liegt im Herzen einer Gegend, die während einer Marketingkampagne in The Fringe umbenannt wurde. The Fringe bezeichnet den fast komplett gentrifizierten Ostteil des Stadtzentrums. Innerhalb weniger Jahre eröffneten hier dutzende Cafés, wo vorher Autowerkstätten und Kleiderfabriken waren.

In den 1960er und 70er Jahren hieß der Stadtteil noch District Six und galt als lebender Widerspruch zur Apartheid Ideologie – bis er mit Bulldozern dem Erdboden gleichgemacht wurde. Erst wurden die Einwohner in Coloured, Schwarz und Indian eingeteilt und dann in separate Townships verschleppt. Nur eine leere Grasfläche hinter The Fringe erinnert heute an die Geister des District Six.

Hier, im Power and the Glory wird niemand verfolgt. Rennräder hängen an der unverputzten Backsteinwand. Die Atmosphäre ist betont lässig, als ob der Arbeitstag für den Rest der Stadt nicht schon seit Stunden begonnen hätte. Als ob es für die Kunden des Power and the Glory keine Arbeit mehr zu erledigen gäbe. Hier sind weiße Südafrikaner und Europäer unter sich. Hier fühlen sie sich zu Hause. Hier wird Kaffee live geröstet.

Die Angestellten erfüllen allesamt das Barista-Ideal. Sie tragen schwarze T-Shirts, auf denen in weißer Schrift der Name des Coffee Shops prangt.

Sie sind tätowiert, gepierct und trinken so viel Kaffee, dass ihre Augen blutunterlaufen sind. Auf der Anlage läuft Lenny Kravitz „Are you gonna go my way?!“

Hinter aufgeklappten Apple Laptops ist zu übersehen, dass die Leute hier auf dem Weg zu ihren Jobs sind. Sie haben es nicht eilig. Die Kreativindustrie hat in dieser Straße Büros installiert, auch Amazon ist vor wenigen Jahren in die Nachbarschaft gezogen. Amazon hat ein 20-stöckiges Gebäude für südafrikanische und deutsche Callcenter-Mitarbeiter gemietet, die sich um die Beschwerden der deutschen, amerikanischen und britischen Amazon-Kunden kümmern sollen.

Neuankömmlinge sind überrascht, vielleicht auch erleichtert, dass in diesem Café keine schwarzen Südafrikaner zu sehen sind. So ein Café könnte ohne Probleme in Berlin-Kreuzberg stehen. Der Aufkleber am Eingang, auf dem „Ons praat Afrikaans“ steht, weist darauf hin, dass hier Afrikaans gesprochen werden darf.

Afrikaans war einst die Sprache, die vom Apartheidsregime als Hauptzwangsinstrument in den Schulen des Landes benutzt wurde. Damit wird die Gewalt von damals in Harmlosigkeit und Minderheitenrhetorik verwandelt, die es vor dem Einbruch des Englischen und der Förderung afrikanischer Sprachen zu bewahren gilt.

Nicht nur bei Touristen ist der Wunsch nach Afrika spürbar. Er durchdringt The Fringe auf eigenartige Weise. Was für junge Europäer Tätowierungen mit dünnen durchgezogenen Linien sind, ist hier der Umriss des afrikanischen Kontinents auf freien Schulterblättern, Knöcheln und Oberarmen. Er baumelt als Goldkettchen-Anhänger um blasse Hälse und prangt stolz in Neonfarben auf Designer T-Shirts oder als Aufkleber auf den Hinterteilen von Allradantrieb-Autos.

Was hat das zu bedeuten? In der Stadt, die sich doch so sehr bemüht wie New York, L.A. oder Miami zu wirken. Paul Theroux erklärt in seinem Essay Tarzan is an Expatriate, dass sich das Verhalten Weißer in Afrika am besten mit dem Wunsch erklären lässt, besonders sein zu wollen. Damit gehe oft auch die Ablehnung der industrialisierten Welt und das unterbewusste Verlangen, dem Körper die Vorherrschaft über das Denken einzuräumen, einher. Dieser Wunsch vereint Globetrotter und weiße Südafrikaner.

An der Südspitze Afrikas, weit weg von Europa und gleichzeitig so nah dran.

DER KANONENSCHUSS - 12 UHR

Ein Kanonenschuss markiert die Mitte des Tages. Die Fensterscheiben von Autos und Wohnungen vibrieren von der Detonation. Ansonsten ist die Straße zu dieser Uhrzeit ruhig. An der Straßenseite sind nur wenige Autos geparkt, von Leuten, die sich oben an der Tankstelle ihr Mittagessen kaufen.

Die Kanone, Noon Gun genannt, steht auf dem Signal Hill, einem Grashügel, der von unserer Straße aus gesehen den Horizont bildet. Über einen steinigeren Hügel, dem Lions Head, geht er in den Tafelberg über.

Früher wurde der Stadt bei ankommenden Schiffen mit der Kanone ein Signal gegeben. Daher der Name des Hügels.

Die Kanone ist eine eher unscheinbare Touristenattraktion und Teil eines kleineren Militärgeländes. Dort steht auch eine Baracke, in dem der Kanonenaufseher mit seiner Familie und einem Hund wohnt. Eine blaue Plakette neben der Kanone weist darauf hin, dass dieser mittägliche Kanonenschuss seit 1806 die älteste Tradition der Stadt ist.

Hinter dem Signal Hill liegen die Stadtteile Sea Point und Green Point, die an den Atlantischen Ozean grenzen. An manchen Tagen dringt die frische Meeresluft von dort bis hierher in den Stadtkessel.

Allein die Tatsache, dass die Kanone der einstigen Kap Kolonie seit mehr als zwei Jahrhunderten den Tagesrhythmus der Stadt bestimmen darf, gibt einen Eindruck davon, wie sehr das Selbstverständnis von Kapstadt als Kolonie internalisiert wurde.

DIE KREUZUNG

Auf der Verkehrsinsel vor der Tankstelle steht eine Frau, die das Straßenmagazin The Big Issue verkauft. Sie trägt eine rote Windjacke, auf der in weißen Buchstaben der Name des Magazins gedruckt ist. Mit einem Exemplar in der Hand steht sie dort den ganzen Tag. Auch wenn es regnet. Gegen Abend setzt sie sich manchmal an der Straßenseite hin. Ich habe selten gesehen, dass Autofahrer ihr eine Ausgabe abkaufen.

Das Hauptargument der Publikation ist, dass die Hälfte des Umsatzes bei den Verkäufern bleibt. Inhaltlich ist die Zeitung nicht wirklich attraktiv. Anders als die Berliner MOTZ wird die Big Issue nicht von Obdachlosen selbst, sondern vorwiegend von Praktikanten aus den USA oder Europa geschrieben, die für ein Semester an der Elite Uni der Stadt studieren und nebenbei erste Erfahrung im Journalismus sammeln. Thematisch konzentriert sich die Big Issue daher vorwiegend auf Naturthemen wie Wandern und Surfen, und auf Nelson Mandela.

Der Untertitel der Zeitung ist „Make a Difference – Create Jobs, Change Lives“. Auf der Vorderseite der Jacke der Verkäuferin ist unter dem Titel ein leeres Feld, in dem sie selber eintragen kann, was ihr eigenes ‚großes Problem‘ oder ‚Anliegen‘ ist. Ich nehme an, dass damit eine Form der Eigeninitiative suggeriert werden soll. Die Frau auf der Verkehrsinsel hat dort geschrieben: „Support my family“. Wenn sie den Rücken zu uns dreht, steht auf ihrem Rücken zudem „I am an Entrepreneur“. Weiter unten, an ihrer Hüfte prangt das Fair Trade-Logo.

DIE GARTENKOLONIE - 15 UHR

Zu Beginn seines Buches White Writing erinnert der südafrikanischen Literaturnobelpreisträger JM Coetzee, der vor ein paar Jahren nach Australien ausgewandert ist, daran, dass Kapstadt 1652 als als Garten angelegt wurde. Die wesentliche Funktion der Stadt war es, die Mitarbeiter der Niederländischen Ostindien-Kompanie (VOC) mit Gemüse und Obst zu versorgen.

Was in dieser Geschichtsschreibung oft übergangen wird, ist die Niederlage der ersten portugiesischen Siedler 150 Jahre zuvor gegenüber den Khoikhoi. Es wird stattdessen so getan, als ob die Geschichte der Europäer am Kap mit der VOC beginnen würde.

Aus Angst vor den Bewohnern des Landes und aus Skepsis gegenüber dem, was das Inland an Ressourcen zu bieten haben könnte, vermieden die niederländischen Siedler zunächst ein weiteres Jahrhundert lang jedes Vordringen außerhalb der Kap Region. Für die Siedler war die Kolonie am unteren Ende Afrikas kein Himmel auf Erden, im Gegensatz zu Nord Amerika. Der Garten war für sie das komplette Gegenteil, eine Art Anti-Eden.

Die Stadt am Kap blieb für Europäer deswegen lange Zeit nur Zwischenstation zu etwas anderem. 363 Jahre später hat sich daran nur teilweise etwas geändert.

DER GEMÜSEGARTEN

Der Nostalgie der kolonialen Tage ist die jüngste Initiative der Stadt geschuldet, die Company’s Gardens nach altem Vorbild zu restaurieren. Die Wiederherstellung des historischen Gemüsegartens, ein Abbild des eigentlichen Gartens im Zentrum des Parks, wurde vor ein paar Monaten abgeschlossen und trifft bei Touristen auf große Bewunderung. Die private Sicherheitsfirma, die den Garten betreut, heißt treffenderweise Eden Security.

Auf rein ökologisch angelegten Feldern wachsen jetzt Lauch, Mais und Salate mitten im Stadtzentrum. Aus einem kleinen Brunnen plätschert Wasser durch kleine Kanäle an den Feldern entlang. Die Sklaverei, Lebensgrundlage der Kolonie, wird auf den grünen Infotafeln des Gemüsegartens nicht erwähnt.

NOCH EIN CAFÉ

Etwa zeitgleich mit der Wiederherstellung des Gemüse-gartens wurde ein neues Café im Zentrum des Parks eröffnet. Stadt und Tourismusbehörde waren sich offenbar einig, dass das Café, das hier vorher stand, nicht World-Class genug war. Der Familienbetrieb hielt sich zuvor Jahrzehnte lang mit einfachen Käsetoasts und klebrigen Plastiktischdecken mit Blumenmotiven. Zuerst sollte das neue Café, das über dem niedergerissenen Kiosk gebaut wurde, Haarlem and Hope in Anlehnung an das Schiff Nieuwe Haarlem genannt werden. Das Schiff sank 1647 vor der Stadt. Jan van Riebeeck, Angestellter der VOC und offizieller Gründer Kapstadts, hat damals angeblich die 60 verunglückten Reisenden gerettet. Die Überlebenden – so die Formulierung auf dem Menü des Cafés – „kolumbisierten anschließend das jungfräuliche Land“.

Auf dem Menü steht weiter, dass dieser Kontakt „alles veränderte“. In der Tat war van Riebeecks Unternehmen der Beginn von mehr als drei Jahrhunderten Ausbeutung in jeglicher vorstellbarer Form am Kap. Das steht nicht auf der Speisekarte. Stattdessen wird darauf hingewiesen, dass van Riebeeck hier den „ersten Garten auf dem afrikanischen Kontinent“ angelegt habe.

SCHEISS-DENKMÄLER

Im Zentrum der Company’s Gardens steht ein Denkmal von John Cecil Rhodes. Der Proto-Imperialist steht dort auf einem Steinpodest, sein Haupt ist mit Taubenscheiße bedeckt. Sein linker Arm ist Hitlergruß-ähnlich gehoben. In der rechten Hand hält er seinen Hut. Auf dem Podest steht:

JOHN CECIL RHODES 1855-1902

YOUR HINTERLAND IS THERE

Vor ein paar Wochen ist an einer der Universitäten der Stadt eine große Debatte um eine andere Statue von Cecil Rhodes entbrannt, die in Denkerpose mehr als ein Jahrhundert lang am Eingang des Campus stand. Der Student Chumani Maxwele ist eines Tages in das Township Khayelitsha gefahren, hat dort eine Pick-up-Ladung Scheiße aus öffentlichen Dixi-Toiletten entwendet und sie an der Uni über das Denkmal gekippt. Shit Throwing ist hier in den letzten Jahren zu einer recht effektiven Protestform geworden. Sie gibt dem Grad der Schande und der Hilflosigkeit einen passenden Ausdruck.

In A Brief History of Throwing Shit zitiert Rustum Kozain, in der im November 2013 erschienenen Ausgabe der Chimurenga Chronic, den Anführer des Unemployed People’s Movement Ayanda Kota, um die Bedeutung des Shit Throwings näher zu erklären:

„It takes the suffering that is usually hidden away as a private shame and makes it a public embarrassment to the government … When people experience their suffering as a private shame, things don’t change. But when this suffering becomes politicised and collective action can be taken, especially in elite spaces, things really can change.”

Nach dem Scheiße-Vorfall hat sich an der Universität eine Bewegung gegründet, die mittlerweile den Namen Rhodes Must Fall (RMF) trägt und sich selbst als größer angelegtes Movement bezeichnet. Allen Beteiligten ist klar, dass es von Anfang an nicht nur um die Räumung des Denkmals ging, sondern um die Verwandlung eines nach Oxford modellierten Campus in eine afrikanische Universität.

Der Druck auf das Universitätspräsidium wurde irgendwann so groß, dass auf alle Protokolle verzichtet und das Denkmal geräumt wurde. Das ist also möglich. Danach begann die Debatte darüber, was die Dekolonisierung des Campus oder des Denkens bedeuten könnte. Die Diskussion, ob es sich bei dem Protest nur um eine Dekorationsentscheidung handelt oder ob RMF schwerwiegende Veränderungen hervorrufen kann, wird weiter geführt und lässt eine Reihe von Unmöglichkeiten erahnen. Wie der liberale Präsident der Universität Max Price jüngst anmerkte, würde die Uni ihre Stellung als World-Class-Universität verlieren, wenn versucht würde, Mathematik und Physik ebenfalls nach einem afrozentristischen Curriculum auszurichten.

DIE GARTENKOLONIE ALS PARK - 15 UHR

Neben Historischem gibt es auch Alltägliches in den Company’s Gardens zu beobachten. Eine Touristengruppe bewundert die Flora und Fauna. Ein Teil des Parks ist als botanischer Garten deklariert. Hier stehen Laubbäume neben Palmen. Die gut gemähten Rasenflächen erwecken Bewunderung in der Gruppe. Der deutsche Touristenführer weist im Vorbeigehen auf schlafende Bauarbeiter hin, die sich auf den Rasenflächen im Schatten ausruhen.

Er erklärt seiner Gruppe, „Und hier schlafen die Schwarzen“.

Einer der Public Safety-Männer, die überall im Park patrouillieren und möglicherweise von der Aufmerksamkeit der Touristen alarmiert wurde, weckt einen der Schlafenden mit einem Fußtritt und einem Stoß mit seinem Gummi-knüppel. Schlafen auf dem Gras ist verboten, sagt er von oben herab. Es kommt zu einer kurzen Diskussion. Der Sicherheitsmann deutet mit seinem Walkie Talkie fuchtelnd darauf hin, dass er leicht Verstärkung holen könne und es dann weniger freundlich zugehen würde.

Der Beschuldigte weist darauf hin, dass am anderen Ende der Grasfläche ein Weißer liege, der selbst keine Anstalten mache, sich vom Fleck zu bewegen. Das sei etwas anderes, sagte der Public Safety-Mann. Der Typ sei verrückt, man kenne ihn. Zu dem Zeitpunkt hat sich schon eine ganze Gruppe an Sicherheitsmännern um ihn positioniert und gibt ihm mit bedrohlichen Gebärden zu verstehen, dass er sofort zu verschwinden hätte. Aus der Ferne ist zu hören, dass der Arbeiter, der gerade aufgeweckt wurde, mit einem franko-phonen Akzent spricht.

Was seit 2008 vom kollektiven Gedächtnis der Regenbogen-nation effektiv verdrängt wurde, ist im April 2015 mit einem erneuten Ausbruch der ‚Afrophobie‘ in Durban und Johannesburg bestätigt worden. An Einwanderern aus anderen afrikanischen Ländern, die hierher kommen, um den südafrikanischen Traum zu verfolgen, entlädt sich die Wut der untersten schwarzen Klasse Südafrikas. 2008 starben dadurch nach offiziellen Zahlen 62 Menschen. Im April 2015 starben mindestens sieben weitere und tausende von ihnen wurden in Flüchtlingslager vertrieben. Die jüngsten Angriffe wurden angeblich von einem Kommentar des Zulu Königs Goodwill Zwelithini provoziert, der bei einer Rede verkündete, dass Ausländer „zurück in ihre Länder gehen sollten“.

Erschreckend ist nicht nur die Gewaltbereitschaft der Ärmsten der südafrikanischen Gesellschaft. Sie werden laut Achille Mbembe zu einem Nationalchauvinismus erzogen, der ihnen den Blick auf das eigentliche Problem ihrer Gesellschaft verdeckt. Anstatt die unveränderten Strukturen des Post-Apartheid-Kompromisses zu hinterfragen, bekämpfen sich die Ärmsten der Armen, um von den weißen Chefs ausgebeutet zu werden. ‚Afrophobie‘ daher auch deshalb weil weiße Einwanderer von der Gewalt ausgenommen werden.

Besonders bemerkenswert ist gerade, dass sich die südafrikanische Regierung nicht schützend vor die Opfer der Attacken stellt. Stattdessen unterstützt sie tatkräftig die Kriminalisierung der ablässig als „Foreigners“ bezeichneten Einwanderer, – überwiegend aus Somalia, Äthiopien, Mosambik und Simbabwe – denen die Ministerin Lindiwe Zulu nach der Gewaltwelle einen „geheimen Geschäftsvorteil“ unterstellte.

Anstatt die Solidarität und Gastfreundschaft der Anrainer-staaten des damaligen Apartheidstaates zu erwidern, orientiert sich die südafrikanische Regierung unter Zuma in Sachen Migrationspolitik am Vorbild der EU.

SONNENUNTERGANG

Die Sonne verschwindet gleich hinter dem Lions Head Hügel. Sie wird dann noch ein, zwei Stunden für die Bewohner der Luxusviertel auf der anderen Seite weiter scheinen. Glassplitter zerbrochener Autofenster glitzern in der Nachmittagssonne zwischen den Ritzen des Bürgersteigs.

Auch die kongolesischen Parking Guards in ihren selbst-gebastelten neongelben Signaljacken, die vorgeben, die parkenden Autos vor möglichen Überfällen zu beschützen, können nichts gegen das ungeschriebene südafrikanische Gesetz ausrichten, nachdem alles, was in parkenden Autos gelassen wird, eingeschlagene Autofenster legitimiert. Dass dieses bisschen Umverteilung zwischen Schwarz und Weiß geduldet wird, ist ein Indiz dafür, dass es dazu ein leises Einverständnis gibt.

Die Straße lebt zu dieser Uhrzeit wieder etwas auf. Die Minibusse, die morgens die Straße hochfuhren, rollen jetzt in Richtung Bahnhof wieder hinunter. Ein Mix aus Kwaito-, House- und Hip Hop-Musik lässt die Busfenster vibrieren. Die Musik ist ein kurzes Aufatmen, ein trotziger Abschied vom Viertel der weißen Chefs, wohl wissend, dass es morgen wieder von vorne losgeht.

Auf den Bürgersteigen laufen die ersten Arbeiter in Richtung Bahnhof. Die Tankstellenangestellten schließen sich dem Strom an, abwechselnd gehend und rennend, um noch rechtzeitig einen Platz in den Bussen zu bekommen, die sie zum Schlafen die 20 bis 30 Kilometer zurück zu ihren Familien in die Townships transportieren. Der gelb-rote Hop On Hop Off-Doppeldeckerbus, mit einem gut von Touristen gefüllten Deck, rollt zwischen den Minibussen die Straße hinunter. Er erscheint hier im 20-Minuten-Takt. Auf seiner Rückseite steht: „You don’t need a holiday, you need Cape Town“.

REGIERUNGSSTRASSE

Weiter unten ändert unsere Straße ihren Namen. Dort heißt sie Plein Street und ist der Sitz des südafrikanischen Parlaments. Direkt neben dem Eingang zum Parlament ist eine Polizeistation. Auf der anderen Straßenseite ist eine Kirche und das Erzbistum Kapstadt.

Auf den vier Bänken vor dem Parlament hat sich eine Gruppe Obdachloser eingerichtet. Tagsüber verstauen sie ihre Besitztümer in schwarzen Plastiktüten unter den Kanaldeckeln der Straße. Ihre Schlafmatten liegen direkt hinter den Bänken. Zwischen Parlament, Polizei und Kirche ist der einzige Ort in der gesamten Innenstadt, wo sie sich langfristig niederlassen können. Ihre Besetzung des Vorplatzes mag dazu beitragen, dass das Parlament nicht so wirkt als sei es ein Machtzentrum. Die Parlamentarier reisen auch nur alle paar Wochen zu Sitzungen in die Stadt. Die Regierung arbeitet sonst 2000 Kilometer nordöstlich in Pretoria. Dadurch, dass die Kap-Region seit vielen Jahren von der Democratic Alliance (DA), der Nachfolgepartei der Regierungspartei des Apartheidsystems regiert wird, das Parlament jedoch fest in der Hand des ANC ist, wirkt die Institution hier etwas unwirklich.

Ab und zu stehen kleine Demonstrationsgruppen um ein Denkmal von Louis Botha, der auf einem Ross vor dem Parlament steht. Auf seinem Sockel steht:

FARMER, WARRIOR, STATESMAN.

Louis Botha war Südafrikas erster Premierminister und ist für den Native Land Act von 1913 verantwortlich, in dessen Zuge 90 Prozent der Bevölkerung auf 10 Prozent des Landes eingekesselt wurde – der Grundstein und das Haupterbe der Apartheid.

Vornehmlich finden hier um das Denkmal Anti- und Pro-Israel Demonstrationen statt. Das südafrikanische Parlament ist vor allem damit beschäftigt, den Kompromiss zwischen dem ANC und der Symbiose aus Apartheidsregime und multinationalen Unternehmen zu verwalten und drum herum den Anschein politischer Debatte zu erwecken. Die mild lächelnde Mandela-Bronzebüste vor den Treppenstufen des Parlaments, die nach seinem Tod eingeweiht wurde, wird von dem imposanten Auftritt Louis Bothas hoch zu Ross weit übertroffen. Wie sehr sich der politische Stillstand unter dem Motto der Regenbogennation in den letzten 20 Jahren verfestigt hat, und wie groß der Unmut der langsam entstehenden ‚Black Middle-Class‘ ist, wurde erst mit dem Parlamentseinzug der Economic Freedom Fighters (EFF) im letzten Jahr deutlich.

In Ablehnung des britischen Parlamentscodex sitzen die EFF-Politiker in roten Overalls mit Plastikhelm und in Putzfrauen-Schürzen im Parlament und fordern die radikale Umverteilung des Landbesitzes und die Verstaatlichung der Minen. Wie das Marikana-Massaker vor zwei Jahren schmerzhaft unterstrichen hat, bilden die Minen und die dort vorherrschenden Sklaverei-ähnlichen Arbeitsbedingungen weiterhin die Basis der südafrikanischen Wirtschaft.

Einmal im Jahr wird die Straße an dieser Stelle mit roten Hütchen abgesperrt. Zur State of the Nation Address fährt der Präsident in seiner schwarzen Limousine vor.

Die ruhige, einstudierte und gleichzeitig unsichere, da Englisch sprechende Stimme Jacob Zumas wird dann mit Lautsprechern in die Öffentlichkeit getragen. Auf dem Platz vor dem Parlament, der für Besucher abgesperrt wird, sind große Bildschirme angebracht, um die Rede zu übertragen. Der Platz bleibt leer. Die Stimme des Präsidenten, die auch aus den Radios und Fernsehern der Häuser zu hören ist, will im Wesentlich nur eins sagen: Alles ist in Ordnung. Der Kompromiss wird weiter verwaltet.

Nur in diesem Jahr haben die EFF-Politiker eine Wiederholung dieses langweiligen Schauspiels verhindert. Noch bevor der Präsident den ersten Satz seiner Rede vollenden konnte, unterbrachen sie ihn und forderten lautstark, dass er die Steuergelder zurückbezahlen solle, mit denen er seine Privatresidenz Nkandla aufgemotzt hat. Die EFF-Politiker wurden daraufhin von einer Spezialeinheit aus dem Parlament geprügelt. Die Schlägerei ging auf der Straße weiter.

18 UHR

Am unteren Ende der Regierungsstraße werden die Häuser höher, bis sie sich in die Hochhäuser des Central Business Districts verwandeln. Graue, von NS-Architektur inspirierte Betonklötze wechseln sich mit britischen Kolonialbauten ab. Dazwischen moderne Glasgebäude, die auf ihrer Spitze die Logos von Banken, Versicherungen und Medienhäusern tragen.

Auf Straßenebene ist davon wenig zu sehen. Aus den heruntergekommenen Fast-Food-Läden riecht es nach ranzigem Öl, ein von somalischen Einwanderern betriebener Spaza Shop mit von Coca Cola-gesponserten Reklameschildern reiht sich an den nächsten. Dazwischen Halaal-Imbissbuden, in denen unter anderem das Full House Gatsby (rosa Polony-Wurst zusammen mit Pommes, Spiegeleiern, Steak und Salat auf einem Baguette) verkauft wird – kulinarisches Symbol der Regenbogennation. Aus zwei Geschossen, die in Ein-Raum-Kirchen umgewandelt wurden, kommt Gospelmusik. Zwischen den Gesängen sind Nähmaschinen aus kongolesischen Stoff- und Kleiderläden zu hören.

All das verdichtet sich, wird immer voller, lauter, vielsprachiger, je näher wir uns dem Bahnhof nähern. Der Weg dorthin führt noch über den Rathaus-Vorplatz, die Grand Parade. Wenn Kapstadt als Schmelztiegel der Kulturen gelten darf, dann bietet die Grand Parade dafür das passendste Bild. Hier gibt es Second-Hand Bücher, die noch gar nicht offiziell auf dem Buchmarkt verfügbar sind, nigerianisches Essen, Heilkräuter und Zutaten für Zaubertränke, frisches Gemüse zu verhandelbaren Preisen, Zimmerpflanzen, Ledertaschen und Rastafari-Ausrüstung. Alles ist in greifbarer Nähe für die Reisenden auf dem Weg zum und vom Bahnhof.

DIE KREUZUNG II

Es ist Nacht geworden und es hat leicht zu nieseln angefangen. Da es Samstagabend ist, sind noch vereinzelt Leute auf der Straße. Zu dieser Uhrzeit sollte man nicht mehr unterwegs sein. Der Sicherheitsmann des privaten Sicherheitsdiensts Central City Improvement Districts, der tagsüber mit einem Gummiknüppel im Gürtel an der Ecke steht, ist schon nach Hause gegangen. Zwischen den Beleuchtungen gibt es dunkle Straßenabschnitte, die sich besonders gut für Überfälle eignen.

An den Ampeln vor und nach der Tankstelle, dort, wo tagsüber die Big Issue-Verkäuferin arbeitet, stehen jetzt in Decken gehüllte Jungs. Einer von ihnen trägt einen blauen Plastikmüllsack von Auto zu Auto und hält ihn vor verschlossene Fenster. In der anderen Hand hält er einen Kaffeebecher in dem ein paar Münzen klappern. Er ist barfuß. Seine Schuhe und Klamotten liegen hinter einem der Stromkästen an der Ecke.

Vor jedem der Fenster bleibt er kurz stehen, macht drei bis vier Bewegungen mit dem Becher auf und ab. Sie sind zu schnell, zu abrupt um selbst den mitleidigsten Autofahrern die Gelegenheit zu geben, Münzen in den Becher zu werfen. Obwohl die Aktion wenig erfolgversprechend scheint, – bei diesem Regen macht erst recht niemand ein Fenster auf – wirkt sie kalkuliert, überzeugt und geduldig. Als ginge es um mehr als Münzen oder Essensreste in Gegenleistung für eine Fußraummüllentsorgung.

Die Jungs tauchen hier mit den wechselnden Jahreszeiten an der Straßenkreuzung auf. Tagsüber werden sie von den CCID-Männern verjagt. In der Nacht lässt man sie gewähren.

Die Arbeit der Jungs an den Ampeln gleicht einem Ritual, einer Demonstration oder einer Performance. In den Jahren, die wir hier wohnen, habe ich nur selten Fenster für sie heruntergehen sehen. In dieser Zeit haben sie mehrmals ihre Strategien geändert, sind mal mit humpelnden Beinen, versteckten Armen und auf Krücken aufgetreten – einer von ihnen hat auch eine zeitlang Saltos aus dem Stand vorgeführt. Nichts scheint die Einnahmen angekurbelt zu haben. Sie bleiben trotzdem weiter hier.

Eine bemerkenswerte Abwechslung bot vor einigen Monaten ein weißer Komödiant, Nick Rabinowitz. Er trug einen roten Overall in Anlehnung an die Politiker der Economic Freedom Fighters. An sein Bein war eine Gefängniskugel aus Plastik gekettet, die er unter dem Arm trug. Sein roter Plastikbecher war bald so voll, dass er immer wieder zu seinen Freunden rennen musste, um dort Münzen abzuladen. Die standen auf dem Parkplatz der Tankstelle und feuerten ihn von dort aus an. Obwohl hier öffentliches Trinken verboten ist, hatten sie Bier und Chips auf ihre Autodächer gestellt. Sie hatten sichtlich Spaß an dem Schauspiel.

DER BAHNHOF

Wir sind am unteren Ende der Straße angekommen. Alle Wege, alle Straßen laufen hier zusammen. Der Bahnhof ist Zug-, Bus- und Minibusbahnhof in einem. Hier landen früh morgens neben Schulkindern hunderttausende Arbeiter aus den Townships, um in den Kaufhäusern, Supermärkten und Bürotürmen der Innenstadt zu arbeiten. Tagsüber ist der Bahnhof fast menschenleer. Erst jetzt, direkt nach Feierabend, wird es hier wieder voll.

Wer nicht den Weg über die Straße geht, wird direkt vom Golden Acre, einem unterirdischen Shoppingzentrum, in den Bahnhof geschleust und umgekehrt. Diese zwei Orte, das Shoppingzentrum und der Bahnhof, sind eine Symbiose eingegangen, wie am oberen Ende der Straße der Quick Shop und die Tankstelle.

In Touristenführern wird der Golden Acre als das ‚diverseste‘ Shoppingzentrum der Stadt beschrieben. Damit ist gemeint, dass hier eigentlich keine Weißen einkaufen gehen und die Läden das unterste Konsumenten-Segment beliefern. Fast-Food, Schuhläden und billige Discounter sind hier besonders angesagt. Dank der vom ANC geförderten ‚Konsum-Revolution‘ können sich hier sogar diejenigen Sachen auf Kredit kaufen, die es sich eigentlich nicht leisten können.

Wer es sich leisten kann, umgeht sowohl den Bahnhof als auch den Golden Acre und fährt mit dem Auto ins Stadtzentrum. Dafür stehen die Leute lieber ein paar Stunden im Stau.

Wie das Stromnetz wurde auch das Straßennetz seit dem Ende der Apartheid nicht mehr weiter ausgebaut. Auch an dem Zugnetz, das von den Apartheid-Architekten in vier Linien eingeteilt wurde, hat sich nichts geändert: Zwei für die weiße Süd- und Nordstadt an den Küsten, jeweils eine für Schwarze und die sogenannten Coloured-Townships in der Einöde der sandigen Cape Flats. Public Transport gilt deswegen für viele weiße Südafrikaner immer noch als Synonym für Selbstmord. Geschichten von Gewalttaten im Zug gibt es zwar mittlerweile weniger, Überfälle auf der ‚Township-Linie‘ passieren trotzdem weiterhin. Die Vorstellung, Kriminellen im fahrenden Zug ausgesetzt zu sein, hat sich tief in die kollektive weiße Psyche eingebrannt.

Für die Fußballweltmeisterschaft 2010 wurde die Bahnhofeingangshalle renoviert. Die frisch polierten Kacheln spiegeln die Passanten bis zu der gläsernen Decke und zurück. Die automatischen Drehkreuze an den Gleiseingängen wurden niemals eingesetzt. Heute wie früher werden Tickets von der Person abgestempelt, die auf einem Stuhl neben dem Drehkreuz sitzt.

Dass die Veränderung hier nicht Halt machen soll, wird auch auf der Bahnhofstoilette verkündet. Dort klebt mit Tesafilm neben dem Pissoir ein Papier in Klarsichtfolie, auf dem steht:

THINGS ARE CHANGING.

WE NEED YOUR HELP SO THAT IT CAN REMAIN SO

IM ZUG

Die Frau am Schalter reicht mir ungefragt ein Ticket der ersten Klasse. Eine zweite Klasse gibt es hier nicht und nach dritter Klasse sehe ich offensichtlich nicht aus. Ich bin auf dem Weg zu der ‚anderen‘ Universität. Sie wurde in den 70er Jahren für den als ‚Coloured’ klassifizierten Teil der Bevölkerung eingerichtet, um eine administrative Zwischenschicht zwischen Schwarz und Weiß einzurichten. Seitdem trägt die Universität den unrühmlichen Beinamen Bush College.

Die Ledersitze im Abteil sind so weich, dass man beim Hinsetzen spürbar in sie sinkt. Außer mir ist nur noch ein Paar im Abteil, ein leicht alarmierendes Zeichen. Ob es in der dritten Klasse voller ist?

Der Zug setzt sich langsam in Bewegung. Erst vorsichtig ruckelnd, dann mit größerer Sicherheit. Die Maschine hört sich dabei so an als ob sie sich selbst vom Boden losziehen müsse.

Je schneller der Zug wird, desto abgeschwächter wird das Rattern. Er hält trotzdem immer wieder abrupt an und fährt dann nur langsam wieder los. Wir fahren durch das Industriegebiet am Hafen: HAPAG-Lloyd, MAERSK steht auf den Containern.

Als wir die Station Old Mutual verlassen, die nach einem Versicherungsunternehmen benannt wurde, füllt sich der Wagen mit Sicherheitspersonal. Als wir durch Langa fahren, das älteste schwarze Township der Stadt, zähle ich zehn Sicherheitsmänner und –frauen und vier Passagiere.

Nach der Station Bonteheuwel, dem berüchtigsten Coloured-Township der Stadt, steigen die Sicherheitsleute wieder aus dem Wagen aus. Ein paar Stationen später sitze ich alleine im Abteil der ersten Klasse.

Ein Freund hat mich vor einer Reise in leeren Abteilen gewarnt. Ich überwinde also meine Angst und mein Pflichtbewusstsein, womöglich mit einem falschen Ticket erwischt zu werden und gehe beim nächsten Halt in die dritte Klasse. Die gelben Plastikbänke an den Seiten des Waggons sind fast voll besetzt. Ich erkenne noch ein paar andere Studenten an ihren Kursbüchern.

Mir gegenüber sitzt ein Jugendlicher, der laut zu der R’n B-Musik singt, die aus seinem Handy kommt:

„What’s a man to do when he’s cut in two?

My heart is in two different places,

I got you in my life and I want to do right,

but it’s hard to let go…“

Nach den eng an eng stehenden staatlich subventionierten Einraumhäusern in Langa und den mehrstöckigen und auseinanderfallenden Sozialbauten von Bonteheuwel, wird die Landschaft jetzt immer leerer an Häusern und Menschen. Der Blick wird frei für die Berge, die die Grenze zwischen Kap-Region und Inland markieren. Über längere Strecken fahren wir an Feldern und Sümpfen vorbei. Dazwischen tauchen immer wieder Siedlungen mit Wellblechhütten auf, sogenannte Informal Settlements. Wie ein flacher Pfannkuchen schwebt die Gefängnisinsel Robben Island am Horizont über dem Atlantischen Ozean.

Da ich die Strecke das erste Mal fahre, schaue ich immer wieder aus dem Fenster und versuche im Vorbeifahren die Namen der Stationen zu lesen. Ich merke jedoch, dass ich damit wenig Erfolg habe und meine Ignoranz nur noch deutlicher zur Schau stelle.

Als wir schließlich aussteigen, wendet sich eine Studentin an mich und fragt mich:

„Are you an exchange student?“

Ich versuche ihr kurz zu erklären, dass ich an einer Reading Group teilnehmen möchte. Sie scheint mich nicht ganz zu verstehen, sagt aber, dass sie mir weiterhelfen könne, wenn ich die Orientierung verliere. Ich lehne dankend ab, wissend, dass ich mich direkt auf dem Campus verlaufen werde.

Ich folge zunächst der Gruppe an Studenten, die eben den Zug verlassen hat.

Als ich mich umdrehe, ist der Tafelberg nur noch in weiter Ferne als Silhouette gegen die Abendsonne zu sehen. Die Autorität der Stadt, eine tausend Meter hohe Steilwand, die wir zu Hause immerzu vor Augen haben, sieht von hier wie jeder andere Berg aus.

Neben dem Stationsschild aus Stein, das auf dem Bahnsteig vor dem Panorama steht, ist auch eine Kilometerangabe: Cape Town 21 Kilometres.

Die weiße Farbe blättert stark von dem Schild, bald wird man die Schrift nicht mehr lesen können.

Ich würde gerne ein Foto von diesem Bild machen. Mal werde ich meine Kamera vergessen, mal werde ich sie aus Scham oder Angst nicht hervorholen, womöglich aus der Rolle zu fallen und mich als Austauschschüler oder, schlimmer noch, gar als Tourist zu outen.

Stattdessen mache ich mir ein paar Notizen in ein kleines rot-schwarzes Notizbuch, die ich für diesen Text geordnet und mit dem PC abgeschrieben habe.

*Hatfield Street ist in MUZ1: Berlin – Kapstadt erschienen. Eine frühere Version dieses Artikels ist auf inperspektive.media erschienen (2018).