Lang lebe der Fotokopierer

von Philipp Meyer und Moses März

Der Fotokopierer, der im Gemeindebüro meines Vaters stand, war groß, grau und konnte auch Farbe.

Draußen, jenseits der weißen Mauer des Instituts in Abidjan, lag die Universität de Cocody. Da die Bibliothek dort schon lange keine Bücher mehr kaufte, standen die Studenten in langen Schlagen. Vor den Fotokopierern draußen in der Sonne.

In einer kleinen Universität in San José gab es, im Zentrum der Architektur, die von einem Garten und einem Zaun umgeben war, einen kleinen, runden Raum, indem man seine Fotokopien abholen konnte.

Es muss im Literaturarchiv Marbach, unter den Handschriften von Kittler eine Notizenfolge über den Fotokopierer geben. Die letzte Seite von Grammophone, Film, Typewriter lässt es vermuten. Das Bild eines Fotokopierers, neben ihm Papierreste von zugeschnittenen Kopien.

Fotokopieren und Filterkaffee machen. Niemand hat mir erklärt wie die Maschinen zu bedienen sind. Kaffeekochen und fotokopieren, Schwarz mit schwarzen Rändern.

Wer studiert hat, hat fotokopiert.

Damals lernte ich, Artikel zu verkleinern, zu vergrößern, die Helligkeit und Dunkelheit anzupassen. Das Ergebnis: Alle Presseartikel, die in der Elfenbeinküste jemals über das Institut veröffentlicht wurden. Die Texte druckte ich aus, schnitt sie in kleine Abschnitte und klebte sie auf Papier.

Ganze Bücher zu kopieren, ist verboten.

In fotokopierten Texten kann man rumkritzeln. In Büchern nicht.

Ein Buch komplett zu fotokopieren, kostet oft nur ein Viertel vom Ladenpreis.

Ein Durchschnittsbuch zu kopieren, dauert kaum länger als eine halbe Stunde. Ich habe immer versucht, das so unauffällig wie möglich zu tun.

Eine Kommilitonin erzählte mir aus Pretoria, dass die Bücher von Fanon, Mbembe und Biko in einer ‘High Risk’-Abteilung stehen, weil sie oft geklaut werden. Man kann sie nur zwei Stunden lang ausleihen. Vor der Uni ist ein Copyshop. Sie nennen ihn ‘den Chinesen’. Er kann die High Risk-Bücher in zwei Stunden komplett fotokopieren. Von einem russischen Schriftsteller heißt es, er habe, um zu üben, die Geschichten der Großen abgeschrieben.

Benjamin schrieb, dass er einen Text erst dann veröffentliche, wenn er ihn einmal mit der Hand abgeschrieben habe.

Noten darf man nicht kopieren, auch nicht wenn sie handgeschrieben sind. Man darf sie mit der Hand abschreiben.

Wenn ein Wanderer die Aura eines Berges nur dann atmet wenn er den Schatten des Zweiges auf seinem Knie sieht, kann dann ein Leser die Aura eines Textes nur dann atmen, wenn er den Text abschreibt?

Oder reicht kopieren?

Paris ist sehr schön und ich glaube, dass jeder, der Bücher liebt, vielleicht nicht unbedingt in Paris leben, aber immerhin ein- oder zweimal im Jahr hier zu Besuch sein muss. Es gibt hier ganze Straßen nur mit Buch- und Comicläden. Und die Bibliotheken erst.

Von der Bibliothéque Nationale de France habe ich zwei besucht, die in der Benjamin gesessen hat, und die neue, die aussieht wie ein Flughafen. Und du wirst es kaum glauben, in Frankreich kann man keine Bücher aus den Bibliotheken ausleihen und mit nach Hause nehmen.

Ich muss dir was erzählen.

Gestern war ich in der Bibliothéque Nationale (Abteilung François Mitterand), und kurz davor, das bislang größte Verbrechen meines Lebens zu begehen. Das Buch Essai sur une mesure du Monde au XXe siècle: Édouard Glissant kostet auf Amazon.fr 143,20 Euro. Sonst gibt es das nur noch hier.

Der Form nach ist die BNF ein rechteckiger Kanal, den Konturen eines Buches nachempfunden, der aus dem Untergrund, durch die Ebenen der Vegetation und der Hochhäuser hindurch, direkt in den Himmel schießt.

Es ist nicht leicht dort Zutritt zu erhalten. Mit einer Karte (20 Euro für 5 Tage) müssen mehrere Schranken durchschritten werden, mit der Rolltreppe tief unter die Erde gefahren und mehrere Tage im Voraus ein Sitzplatz reserviert werden.

Die Sitzplätze sind nach Disziplinen geordnet. Wer sich nicht daran hält, wird schnell merken, dass die Korridore der Bibliothek sehr lang sind, erklärt mir eine freundliche Bibliothekarin.

Ich suchte also nach dem Fotokopierraum.

Als ich die Tür aufmachte, dachte ich zunächst der Raum sei leer. Dann stand eine Frau in der hinteren Ecke abrupt auf und kam direkt auf mich zu. Ich solle ihr meine Bücher geben, sie würde die Fotokopien für mich machen, sagte sie. Zuerst müsste ich allerdings eine Kopierkarte kaufen, die zwei Euro kostet. Danach müsse ich ihr nur die Seitenzahlen nennen.

Mir brach bei der Vorstellung der Schweiß aus. Ich ging zurück in den Vorraum, zum Kartenautomat. Dort sah ich, dass der Preis für drei Fotokopien ein Euro war.

Ich ging aus dem Vorraum des Fotokopierraums in den Lesesaal zurück und suchte eine Ecke, in der ich unbeobachtet sein würde. Ich stellte aber fest, dass es keinen Sitzplatz gab, der vor dem Blick der Bibliothekarinnen geschützt war.

Ihre Blicke reichten von der Sektion V (Littérature française) bis zur Sektion W (Littératures orientales et art).

Ich verstehe jetzt besser warum der französische Denker, dessen Namen man im Graduiertenkolleg Minor Cosmopolitanisms besser nicht ausspricht, hier sein Buch über das Gefängnis geschrieben hat.

Caroline Levine, die das Buch über die Formen geschrieben hat, spricht sich übrigens dafür aus, neben dem Einschränkenden auch das Ermöglichende der Formen zu suchen, die miteinander in Konflikt treten oder sich überschneiden und an unerwarteten Orten in neuen Zusammenhängen wieder auftauchen. Wie die doppelt verriegelten Fenster der Nonnen, die sie seit der Clausura von 1298 durch besondere Abschottungsmaßnahmen vor der Außenwelt und der eigenen Sexualität schützen sollten, und die in der eigenen Gefangenschaft ein Verständnis ihrer Zentralität entwickelten und sich Gott am nächsten fühlten.

Hinter einer Säule sitzend, fühlte ich mich zumindest von einer Seite geschützt.

Jedes mal wenn ich mit dem Smartphone auf den Auslöser drückte, machte es ein leises aber deutlich hörbares ‘klick’, die Imitation einer sich schließenden Linse.

Jedes mal brach mir der Schweiß aus.

Als ich die letzte Seite abfotografiert hatte, breitete sich ein Gefühl des Triumphs aus, wie es nur nach einem großen Verbrechen spürbar ist.

Möglichst gelassen ging ich an den Bibliothekarinnen vorbei. Nur noch einige Meter, ich sah schon den Ausgang, mein Handy fest in der Hand, die ich in die Hosentasche gesteckt hatte.

Da fiel mein Blick auf ein Schild:

Nouveaut: Autorisé de prendre des photos des livres sans flash!

Dann sah ich sie überall, wie sie mit kleinen Digitalkameras gebeugt über Büchern standen und Fotos machten. Und dann hatte ich sie plötzlich: die Antwort auf die Frage, was uns so sehr am Fotokopierer fasziniert.

Philipp, die Zeit des Fotokopierers ist vorüber.

Schon die neuen Overhead-Scanner sind ein Eingriff in das Fotokopieren. Der Rahmen wird erst digital fixiert, nichts wird mehr dem Zufall überlassen. Das rhythmische Vor- und Zurückbeugen verschwindet, dafür werden die Bücher geschützt und Papier wird gespart. Das Fotografieren schützt die Bücher, schützt die Umwelt, erhöht die Qualität.

Und die Frau im Fotokopierraum? Sie wird alleine bleiben.

Nicht das ist anziehend am Fotokopierer, was wir mit Wiederholung, Rhythmus, Zufall, Reproduktion und Repräsentation assoziieren - also alles was unser Leben bestimmt.

Was wir im Fotokopierer so lange suchten, was uns nicht zu finden gelang war: Die Gleichzeitigkeit von Druck und Produktion. Die in jeder Bewegung etwas Neues, eine Verdopplung entstehen lässt. Und Gott gab Hiob doppelt so viel, wie er gehabt hatte.

Mit der Fotografie und dem Scan, die zuerst im Gerät ruhen und erst später, bei der richtigen Gelegenheit und nach reiflichem Überlegen, möglicherweise zuerst noch bearbeitet, das Licht der Welt erblicken, ist es nicht so.

Lang lebe der Fotokopierer.

*Lange lebe der Fotokopierer ist in MUZ1: Berlin - Kapstadt erschienen (2018).