Diesmal warf ich

von Philipp Meyer

Es war in einem Zug dritter Klasse von Bangkok nach Chumpon als ich vor eine Entscheidung gestellt wurde, vor der ich schon einmal etwa fünf Jahre zuvor stand. Auf einer Brücke; die erste, die, wenn man vom Bahnhof links mit dem Fahrrad Richtung Neuenheimer Feld fährt, den Neckar überquert. Da stand ich, den Lenker in der Hand, vor meinem grünen Fahrrad, auf dem mit gelber Schrift KUNDE stand.

Ein paar Jahre später wurde es mir vor dem Bethanien geklaut, kurz vor Weihnachten. Ich stand an der Reling, ein Sommerwind wehte mir um die Nase, ich guckte in das seichte Neckarwasser, es war schon dunkel. Ich kam wohl aus Hameln zurück, hatte mein Fahrrad am Hauptbahnhof stehen lassen und es wiedergefunden, zwischen einem rosa-verrosteten und einem Mountainbike, in der Nähe von dem großen Baum in der dritten Reihe. Der Mond schien voll und fahl aus dem Himmel und aus dem Fluss. Ich dachte darüber nach, das Fahrrad über das Brückengeländer in die Fluten zu werfen.

Kein Mensch war in der Nähe, das Rad war leicht genug, der Abend ideal.

Schon der Gedanke durchflutete mich mit einem mächtigen Gefühl. Ich könnte mit einem Wurf etwas Mächtiges tun. Etwas Zweckloses. Eine Verschwendung in großem Ausmaße. Ich könnte mich befreien. Das loswerden, was mich von der Altstadt über die Plöck bis zum Bahnhof gebracht hatte, mit dem ich schnell, windig und ohne Helm nach Hause fahren konnte, von der Brücke an kilometerweiten leeren Parkhäusern vorbei. Es schwindelte mir. Ich stieg auf und fuhr nach Hause. Dort aß ich eine Nudelsuppe, die mein Mitbewohner von einer Erstiveranstaltung mitgebracht hatte. Der ganze Schrank war voll damit. Werbegeschenke auf die man nur ein bisschen heißes Wasser gießen musste. Ich aß mehrere Wochen nichts anderes.

Mein rechter Arm hing aus dem Fenster. In meiner rechten Hand hielt ich den leeren Becher einer MAMY YUMMI SCHRIMPS Nudelsuppe, die ich gerade mit einer Klappplastikgabel aufgegessen hatte.

Immer wenn ich etwas von den Verkäuferinnen kaufte, die durch den Zug liefen, freuten sich die sechs zufälligen Freunde, die mit uns saßen und deren Sprache wir nicht verstanden. Einen Plastikbecher, in dem salziger Orangensaft mit gestampftem Eis war, mit einem Plastikdeckel beklebt, durch den man einen roten Strohhalm, der an einer Seite abgeschrägt war, stechen musste, hatte mir die Frau, die vor mir saß, aus der Hand genommen, das war nur ein paar Minuten her, und mit einem Lachen im Gesicht hat sie mir gezeigt, wie man es macht. Es war dunkel geworden, die Sterne funkelten, die Palmen verschwanden in der Dämmerung, alle übrigen waren in einen kurzen Schlaf gefallen, ich war also allein.

Der leere Nudelsuppenbecher wog leicht in meiner rechten.

*Diesmal warf ich ist in MUZ1: Berlin – Kapstadt erschienen (2018).